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Sollte es mir gelingen an einem 26. zu sterben, wird fognin die ehrenvolle Aufgabe haben, dieses in einem letzten Beitrag mitzuteilen.
Gruß und Dank an alle bisherigen Wahrnehmer dieses blogs,
Marianne
Eine Strecke wird durch zwei Punkte begrenzt, den Anfang und das Ende. Todestage meint das Ende. Der Anfangspunkt ist bekannt: Fast jeder Mensch weiß sein Geburtsdatum. Auch der Tag des Todes kann nur einer der 365 des Jahres sein, oder der 366 in einem Schaltjahr. An einem Tag im Juni 1997, es war der 26., erklärte ich den 26. in jedem möglichen Monat in irgendeinem Jahr zu meinem Todestag. Seitdem führe ich über jeden 26. jeden Monats Tagebuch.

Mein eher kunstferner Untermieter warf im Vorbeigehen einen Blick in mein Atelier und brach beim Anblick meiner „Warndreiecke“ in begeisterte Zustimmung aus!
20 Uhr.
Nach § 1 und 1a meiner privaten Gesetzgebung darf ich jetzt zum Alkohol greifen und eine Zigarette rauchen - jeden Abend in der irrtümlichen Hoffnung, dass mir mit der Zigarette in der Hand und dem Biertopf vor mir
auf dem Tisch eine bemerkenswerte Zeichnung aufs Blatt fließen würde.
Ich kenne diesen Zustand schon lange. Aber er wird immer schrecklicher.
Warten auf das Alterswerk…
Ich hatte einen Traum, der erste seit langer Zeit, an den ich mich beim Aufwachen erinnert habe:
Ich war zum Essen eingeladen und saß mit den Gästen an einem runden Tisch, einige der Anwesenden kannte ich, andere nicht. Die Gesellschaft war nicht besonders groß, 6 oder 7 Leute.
Der Stuhl, den man mir zugewiesen hatte, war so niedrig, dass ich mitsamt meinem Teller zwar am Tisch, aber unter dem Niveau der Tischplatte saß, von niemandem bemerkt.
Es ist nicht mehr so heiß draußen: Heute hatte meine morgendliche Dusche seit vier Wochen zum ersten mal wieder die Qualität von Kälte und nicht die von notwendiger Abkühlung nach zu heißer Nacht.
(Keine Missverständnisse!!)
Ich habe keine Lust etwas zu schreiben, nur weil mal wieder ein sechsundzwanzigster ist.
Nun ja, war ja meine eigene Entscheidung. Vor 156 Monaten, das sind…13 Jahre, exakt! Der erste TODESTAG war der 26.Juni 1997.
Was war denn da:
Noch in Köln, ging ich mit dem Entschluss schwanger, KAOS-Galerie dicht zu machen…..ich habe meinen Ehemann Peter (er ist es noch immer!) an diesem Tag wüst beschimpft und schon am Nachmittag Wein getrunken und wieder geraucht.
Dann ist heute so was wie ein Geburtstag von TODESTAGE.
Da war ich noch "jung", 62 und mein nächster Lebensabschnitt war gerade mal angedacht: Weg von Köln.
Heute denke ich über den jetzt nächsten Abschnitt nach: Mich von allem Ballast befreien, ganz konkret: In spätestens 3 Jahren will ich meine Bude leer haben. Noch ist das sehr rigeros gemeint. Aber schon am Anfang habe ich manches Objekt von mir in der Hand und stelle es zögernd an seinen Ort zurück.
Seit heute morgen im Bett ist ein Liedtext in meinem Kopf, obwohl ich ihn als reichlich unpassend empfinde: Geh aus mein Herz und suche Freud in dieser schönen Sommerzeit…
Für den Weg zum Briefkasten und zum Markt habe ich meinen Wintermantel wieder angezogen.
Aber der PC tut wieder (zumindest kann er wieder schreiben).
Vorhin habe ich an der Wiedererlangung dieser Fähigkeit gezweifelt, und schon mal mit der Hand angefangen zu schreiben. Sowohl der Vorgang als auch das Ergebnis haben mich erschreckt: Ich bin nicht mehr fähig, einen längeren Satz aufs Papier zu bringen ohne einen Krampf in der Hand zu kriegen, ganz abgesehen von der Leserlichkeit dieses Satzes.
Ich schreib da aber weiter dran und lege das Blatt mit in die Mappe.
Vielleicht ist mit „Freud“ ja der Sigmund gemeint.
Ich spiele mit dem Gedanken, mein Auto abzuschaffen, es wird zum Luxus weil ich zu selten fahre.
Mit diesem Gedankenspiel im Kopf ging ich zur Garage um ein Stück raus zu fahren, mal wieder walken. Beim Überqueren der Straße dachte ich - die Entscheidung der Trennung vom Auto betreffend, „schick mir ein Zeichen!“.
Das war dann schon da als ich kam: Eine frische Ölpfütze unterm Motor.
Wir werden uns trennen. Noch nicht sofort, aber noch dieses Jahr.
Erst wollte ich nicht, aber er lief eigentlich ganz gut.
Jetzt will ich - aber er bockt.
Ich meine den PC.
Dabei ist bereits früher Nachmittag, jeder Todestag geht einmal zu Ende.
Die Sonne scheint!
Aber die Luft ist eisig. Auf meinem Thermometer am Fenster minus 5°, in freier Wildbahn sind das minus 10° - jedenfalls heute morgen.
Der Winter ist eine starre Zeit, besonders dieser: Nichts bewegt sich, alles ist eingefroren:
Nichts weiß ich zu schreiben, nichts weiß ich zu zeichnen…
Mit dem Schreiben ist es eigentlich einfach, wenn ich beim ursprünglichen Konzept bleibe: Den jeweiligen 26. zu dokumentieren.
Na denn:
Schon beim Aufwachen kann ich an der Art des Weiß der Gardine sehen ob die Sonne scheint oder nicht. Heute: Ja, sie schien! Das hilft beim Aufstehen, das Licht ist dann günstig zum Fotografieren von Blättern an der Wand.
Und dann - und dann - und dann - hab ich wie jeden Tag um High Noon (schreibt man das so?) meinen Freund Markus besucht, um mit ihm Kaffee zu trinken. Cordula war auch da mit Brötchen. Markus hat die ganze Zeit versucht, sein Faxgerät wieder in Gang zu bringen, am Ende mit Erfolg!
Und, der Versuch von beiden, Markus und Cordula: Ideen zu entwickeln, den notwendigen Lebensunterhalt zu beschaffen.
Warmer Griesbrei mit Butter und Honig, danach eine Stunde unter einem kuscheligen Plümo, das ist wie - ja wie denn - wie Mutterkuchen damals gewesen sein mag, oder wie Zuckerwatte, oder wie gestreichelt werden in diesen kalten Tagen.
Nebenan im Zimmer räumt Hagen auf. Das hört sich immer an, als ob er jedes Möbelstück aus einem Meter Höhe auf den Holzoden fallen lässt. Armer Markus!
Eben auf der Straße eine Szene mit beneidenswerten Energieausbrüchen: Ein etwa dreijähriger Junge rannte herum, fiel hin stand wieder auf, ständig seinen Vater anmachend, er möge ihn doch gefälligst mal jagen, oder sich verstecken, oder ihn suchen, wenn er sich versteckte. Ob der Vater wollte, war nicht eindeutig auszumachen. Aber er musste.
Für die Sonne war’s zu spät, aber der Mond (zunehmend) schien auf’s Eis.
Der Vollständigkeit halber die Speisekarte des Abends:
Pellkartoffeln mit Butter, Bismarckering aus dem Glas, Eisbergsalat (nur gewaschen, nicht angemacht), so zum Reinbeissen.
23 Uhr: Wider Erwarten eine Zeichnung, am Rande des Erträglichen - aber da fühle ich mich ja recht wohl. NOCH gefällt sie mir. Die Körperlichkeit ist zwar reichlich geschönt, aber so passte sie besser aufs Blatt.
Ein Novum: Ich habe mich noch nie nackt dargestellt.
Er taucht zwar auf, all die Jahre schon - der 26.Dezember - aber ich kann ihn nicht akzeptieren als Todestag: Er ist einfach nur ein Teil eines Lochs in der Zeit am Jahresende zwischen Weihnachten und Neujahr. Ein Teil zwar noch von Weihnachten, also am Rande des Zeitlochs, aber immerhin.
Alles, was ich heute so getan habe oder so getan habe als hätte ich es getan, ist in dieses Loch gefallen.
Weg. (Welch sinnige Doppeldeutigkeit)


Zum Abrunden ein E-Mailwechsel zwischen Carola Willbrand und mir:
Toi Toi Toi!
Viel Erfolg! Genieße alles
Ich bin traurig, nicht kommen zu können!
Danke Dir, liebe Carola!
eigentlich habe ich inzwischen gar keine Lust mehr auf den Rummel (denn das wird einer!), aber ich sollte mental umpolen: Sei doch einfach neugierig, was da mit den Leuten sein wird! Denn im Grunde wissen fast alle nicht, was sie mit meinem Kram anfangen sollen, sind aber inzwischen verunsichert, weil andere diesen Kram lauthals tierisch gut finden.
Interessant wird es auf jeden Fall.
Liebste Carola!
es war ergreifend, in der Tat!
Wenn der Ort dieser Ausstellung ein anderer gewesen wäre und wenn die Worte der Eröffnungsrede aus einem anderen Munde gekommen wären...ja dann, dann wäre ich jetzt berühmt!
Der Redner hat sich nicht gescheut, mich mit Joseph Beuys zu vergleichen...
Das hat natürlich beeindruckt, und dann fanden se mich (fast) alle gut.
Grüße!
Marianne
Toll!!! Schön! Prima! Genieß es! Wie lange läuft denn die Ausstellung? Vielleicht kann ich ja noch kommen?
Bützchen!
Carola Willbrand

Heute morgen um acht, als ich nur mal eben aufgestanden aber noch nicht aufgestanden bin, war der Himmel strahlend blau.
Jetzt ist er wieder grau von schnellen Wolken - wie jeden Sommertag in letzter Zeit.
Kann sein, dass heute zwei Adler über meinem Frühstückstisch kreisten: Sichtbar durch das Dachfenster überm Tisch, in großer Höhe, große Vögel, die zwei Minuten lang (dann waren sie aus meinem Gesichtsfeld entschwunden) ohne einen einzigen Flügelschlag ruhige Kreise zogen.
Vom täglichen 12Uhr-Kaffee bei Freund Markus zurück gekehrt, habe ich zwei Stunden mit dem Aufräumen von Dateien zugebracht - beides sei lediglich der Vollständigkeit halber erwähnt, weil darüber Zeit vergangen ist (es ist bereits voll der Nachmittag!) aber: Das Eine ist mir zu privat, sich darüber öffentlich auszulassen, das Andere zu langweilig.
In den letzten Tagen sind mir ein paar Zeichnungen gelungen. Ich hatte eine Pause eingelegt, weil ich mich festgefahren hatte. Die Pause war wohl gar nicht so falsch. Ich neige bei solcher Mühsal eher dazu, nicht locker zu lassen, dran zu bleiben.
Wenn man morgens aufwacht mit dem diffusen Rest eines Traums im Gedächtnis und will diesen Traum noch mal zu fassen kriegen, geht das allenfalls - wenn überhaupt - in der Körperhaltung mit der man aufgewacht ist. Dreht man sich auf die andere Seite, ist der Traum weg.
